Anthem of the Seas

Gigi im Wunderland

Apps für das Bordprogramm, Roboter hinter der Bar und Nervenkitzel vom Fließband: Die »Anthem of the Seas« bricht in die Zukunft der Kreuzfahrt auf

Knallgelb ist ihr Badeanzug, pink ihr Schwimmreifen – nur das blaue Armband, das mir beim Checkin angepasst wurde, trägt sie nicht. Sie braucht es auch nicht. Denn Gigi, die Giraffe, geht nicht an die Bar, wo ich das Armband an den Scanner halte, um meinen Sundowner zu bezahlen. Und sie hat auch keine Kabine, deren Tür sich öffnet, wenn ich den Arm zur Klinke führe. Nein, Gigi steht felsenfest, egal wie der Wind weht, an ihrem Platz an der Reling und schaut mit ihren melancholischen Plüschaugen aufs Meer. Sie ist ein Fixpunkt auf diesem nagelneuen Riesenschiff, auf dem sich sonst irgendwie alles immerzu zu bewegen scheint. Das Maskottchen, das man liebhaben muss, egal ob man Kind ist oder nicht.

Anthem of the Seas Gigi, das Maskottchen des Schiffs© Royal Caribbean International

Für große wie für kleine Kinder, soviel steht ohnehin fest, ist dieser Riese gemacht. Für Menschen, die gern spielen – und mit sich spielen lassen. Und die deshalb vor der digitalen Welt, in der ja längst mehr gespielt wird als irgendwo sonst, keine Angst haben. Willkommen im »schwimmenden Rechen-zentrum«, wie ein deutsches Wirtschaftsblatt die Anthem prosaisch nannte. Poetischer ist: Willkommen nicht bei Alice – sondern bei Gigi im Wunderland.

Fangen wir mit dem Sundowner, bei dem wir eben schon waren, noch einmal an: Wo auf der Welt kann man sich den Cocktail ganz ohne menschliches Zutun beschaffen? An der »Bionic Bar« auf der »Anthem«, wo ein Roboter bedient! Per Touchpad sagt man ihm, was man möchte, und flugs fährt sein stahlblauer Arm zur Flaschengalerie unter der Decke, zapft rechts und links, schüttelt, holt Eis – und schon steht die Caipirinha am Platz. Hmm, war der Barkeeper nicht früher dazu da, dass auch Alleinreisende jemanden zum Schwatzen hatten? Egal, der Gag funktioniert: Die Warteschlange ist lang.

Anthem of the Seas Blick vom North Star über das Schiff© Johannes Bohmann

Wie auch beim »Skydiver« und beim »North Star« – aber dafür gibt‘s ja die App! Dank überall an Bord verfügbaren schnellen Internets (auch das, zumindest in europäischen Gewässern, ein Novum) kann ich sie auf mein Smartphone laden und Reservierungen eintragen. Und warte deshalb nur kurz, bis ich hinauf darf zum Himmel im gläsernen »North Star«. Aus 92 Metern schaue ich hinab auf die Zwergenmenschen am Pool. Ich beginne zu verstehen, warum die Reederei das Wörtchen »Wow!« als Werbeslogan führt.

Auf den simulierten Helikopterflug folgt das simulierte Fallschirmabenteuer. Im »Skydiver«, in dem eine Windmaschine mit 115 km/h aus dem Boden bläst, soll ich das Fliegen lernen. Am Morgen habe ich beobachtet, wie die Crew-Profis das vormachten: Kinderleicht sah es aus. Jetzt stehe ich davor und erkenne, dass nicht alle Amateure es ihnen gleichtun können – und verzichte, um das Kabarett der purzelnden Käfer nicht weiter zu bereichern.

Anthem of the Seas Die Jungs vom "Jamie´s Italian"© JB

Dann lieber Autoscooter fahren! Ja, im »SeaPlex«, der Indoor-Sportarena der »Anthem of the Seas« geht das. Vorhin spielten sie dort Basketball, heute abend wird man Rollschuhe laufen, zwischendurch am Trapez fliegen, wie im Zirkuszelt  – und jetzt kreisen die »Bumper Cars« und schubsen ihre johlenden Insassen umher wie damals uns Kinder auf der Dorfkirmes. Es ist diese Jahrmarktnostalgie, die die Anthem eben auch auszeichnet –und auszeichnen soll: Warum sonst wäre man auf die Idee gekommen, von der das halbe Schiff munkelt? Von dem Mann mit Clownsnase und lustigem Hut, der an wechselnden Orten auf dem Schiff Piano spielt, einen alten Kasten wie aus dem Bonanza-Saloon. »Stowaway Piano« heißt das rollende Instrument, das ich am zweiten Abend endlich zu Gesicht bekomme: Im Lift (!) hinauf zu meiner Kabine auf Deck 12 sitzt der Mann da – und spielt mit wippendem Hut Scott Joplins »Entertainer Rag«.

Anthem of the Seas Autoscooter im SeaPlex© JB

Handgemachtes neben Digitalen also, Ein-faches neben Komplexem: Bei genauem Hinsehen ist das vielleicht sogar als eines der Geheimnisse dieses Schiffs. Da kann man einerseits seinen Wein per iPad ordern, kann im »Wonderland« (das ist sie also, die unvermeidliche Anspielung auf den Kinderbuch-Klassiker) Speisen genießen, die in eine Rauchwolke gehüllt sind – in einem anderen aber ein-en Mann am Herd erleben, der gerade für die Einfachheit der Zutaten zu seinen Rezepten weltberühmt ist: Jamie Oliver, der hier und auf der Anthem-Schwester »Quantum of the Seas« zum ersten Mal überhaupt die Kreuzfahrwelt betreten hat, kommt mit seinem »Jamie’s Italian« auf Deck 5 so ostentativ unprätentiös daher, dass man sich fast schon die Augen reiben möchte.

Anthem of the Seas Die Aussichtskapsel North Star© JB

Und noch so einen Kontrast kann man beim abendlichen Entertainment ausmachen. Dessen erster Akt: die Westend-Produktion „We Will Rock You“ im 1.300 Plätze fassenden Royal Theatre. Stolze 95 Minuten ist sie lang, in der Kreuzfahrt eine kleine Ewigkeit. Doch nicht nur weil es um die unsterblichen Songs der Rockband Queen geht, hält die Show alle auf ihren Plätzen, sondern weil Musiker sie live so perfekt spielen, dass man schwören möchte, Freddie Mercury & Co. seien da persönlich bei der Arbeit, wäre der Mann nicht vor nun schon 25 Jahren gestorben. 

Wie völlig anders dann der zweite Akt des Abends, gegenüber im Heck am anderen Ende des Schiffs: Mit »Multimedialem Kabarett« blicken wir hier wieder in die Zukunft der Kreuzfahrt. »Spectra« heißt das Spektakel, das eine schillernde, fast androgyne Kunstfigur präsentiert: Gesang, Tanz, Artistik, teils zwischen den Sitzen und über den Köpfen des  Publikums. Und unterstützt von 3D-Projektionen auf einer 320 (!) Meter breiten Leinwand und von Monitoren an fliegenden Roboterarmen. Sie liefern ein Feuerwerk aus Farben, Formen und Klängen, das die Sinne an ihre Grenzen bringt.

Anthem of the Seas Roboter an der Bionic Bar© Royal Caribbean International

»Two70« heißt der Saal, in dem »Spectra« gegeben wird. Kommt man am nächsten Morgen zurück, dann ist er: eine Oase der Stille! Die Monitore sind fort, der Blick hinaus ist frei – eine klassische Observation Lounge. In der man, ganz analog, auch ein Buch lesen könnte, sofern die App nicht zur nächsten »Activity« ruft. Sie bleibt an diesem Vormittag ausgeschaltet? Dann gäbe es noch einen ganz altmodischen Tipp: Wenn er frei ist, und sei es nur für ein Viertelstündchen, ist der schönste Platz überhaupt an Bord die Schaukel im »Solarium« auf Deck 14. In der Bar dort am höchsten Punkt des Schiffs hole man sich einen Smoothie, gehe an der plätschernden Poolkaskade vorbei nach vorn – und schaue schaukelnd einfach nur aufs Meer.



Zurück zur Übersichtsseite