Entenhausen zur See

Vielleicht das Nonplusultra für Kinder – und für Große, die Kinder geblieben sind: Die Disney Magic absolviert ihren Erstanlauf in Warnemünde

Schon der erste Blick auf dieses Schiff, das da an der Pier von Warnemünde liegt, signalisiert den anderen Anspruch: Eine goldene Girlande umrankt den tiefschwarzen Rumpf der Disney Magic, am Heck pinselt Goofy gerade den Schiffsnamen auf, orange wie Donalds Schnabel leuchten die Rettungsboote, knallrot wie Mickeys Jacke die zwei (!) Schornsteine, an denen folglich auch das Konterfei der berühmtesten Maus der Welt prangt – und von denen einer nur Atrappe ist: eine Hommage an den klassischen Oceanliner-Traum, den dieses Schiff ebenso perfekt bedient wie die süße Illusion, tatsächlich mit Minnie, Pluto & Co. in See zu stechen. Mindestens einer von ihnen – heute ist es Donald Duck – begrüßt die großen und vielen kleinen Gäste jedenfalls persönlich an der Gangway, über der „Welcome Home” steht: Amerikanischer kann eine Kreuzfahrt nicht sein.

Goofy pinselt den Schiffsnamen ans Heck (Foto: J. Bohmann)

Und europäischer als „Wornemande“, wie Kreuzfahrtdirektor Brent Davis den Ostseehafen nennt, kann ein Hafen in „Old Europe“ für die fast ausschließlich aus den USA stammenden Gäste an Bord wohl auch nicht sein: Alles in Fußnähe, alles pittoresk verspielt, alles „cute“, also „süß“, wie sie rufen – und dazu noch strahlend blauer Himmel. Trotzdem müssen sich die meisten mit dem Blick von der Reling auf das Idyll an der Warnow begnügen: Der Sonderzug nach Berlin steht schon bereit. Denn als „Port of Berlin“ gilt den Amerikanern Warnemünde. Und da man auf dieser Reise europäische Hauptstädte sammelt – u.a. London, Oslo, Stockholm und Kopenhagen – darf auch Deutschlands Metropole nicht fehlen.

Knallrot wie Mickeys Weste: die Schornsteine (Foto: J. Bohmann)

Es sei denn, man zählt zur betuchten Schar derer, die sich noch mehr für die Zukunft dieser Cruise Line interessieren als für Reichstag, Brandenburger Tor und Ku’damm: Für 3.000 Dollar pro Kopf fliegen sie im – ausgebuchten! – Privatjet zur Meyer Werft nach Papenburg, um einen ersten Blick auf die neue Disney Dream zu werfen. Als erste von zwei Disney-Neubauten wird die Dream in Papenburg montiert und soll im Januar ausgedockt werden. Auch mit dieser Maßnahme pirscht sich die Disney Cruise Line ein Stück weiter an den deutschen Kreuzfahrtenmarkt heran.

Begrüßungskomitee: Captain, Cruise Director – und Donald Duck (Foto: J. Bohmann)

Denn bisher galt: Disney, das seit gut einem Jahrzehnt mit zwei Schiffen, der Disney Magic und der Disney Wonder, unterwegs ist, war bislang eine fast ausschließlich US-amerikanische Veranstaltung, mit ganzjährigen Turnusrouten in der Karibik. Zwar gab es 2007 einen ersten Europa-Abstecher, als die Disney Magic drei Sommermonate lang ab/bis Barcelona fuhr. Doch 2008 und 2009 ward man in Europa nicht wieder gesehen – bis jetzt: Viermal fährt die Disney Magic diesen Sommer von Dover aus auf 12-Tages-Reisen ins Baltikum, davor und danach gab bzw. gibt es Mittelmeer-Törns, bewährterweise wieder ab Barcelona. Doch noch immer gilt: Kein Reisebüro kann sie hierzulande buchen, keine Internetplattform listet sie – außer der firmeneigenen, nur englischsprachigen Website www.disneycruise.com.

Alles für die Kleinen: einer der drei Kinderclubs … (Foto: P. Günther)

Man darf gespannt sein, ob sich daran tatsächlich viel ändern wird. Zwar ist angekündigt, dass die Disney Magic auch 2011 wieder in Europa zu sehen sein wird (allerdings leider nicht in Nordeuropa, sondern wieder im Mittelmeer). Die neue Disney Dream aber wird nach ihrer Fertigstellung in Papenburg flugs nach Fort Lauderdale zur Taufe verholt – und bleibt in ihrer ersten Saison in der Karibik.

Schade ist das allemal. Denn der Besuch in Warnemünde zeigt: Hier wird tatsächlich das etwas andere Kreuzfahrterlebnis geboten. Man erlebt, wie nicht anders zu erwarten, einen veritablen Disney-Themenpark zur See. Mit hochprofessionellen Original-Disney-Shows im riesigen, an die 1.000 Gäste fassenden Theater. Mit einem 3-D-Kino, in dem neue Filme aus der Comic-Traumfabrik schon mal ihre Welturaufführung erleben. Und mit drei riesigen Kinderclubs, um die allein sich 50 (!) geschulte Mitarbeiter kümmern. Im Reich für die ganz Kleinen, dem ”Flounder’s Reef“, wird sogar Babysitting für drei Monate alte „Toddlers“ angeboten – keine andere Cruise Line der Welt bietet das zurzeit so konsequent.

… und der Babyclub "Flounder's Reef" (Foto: P. Günther)

Doch auch alles andere ist für Familien mit Kindern gemacht: Geräumig sind die Kabinen, die allesamt über zwei Bäder verfügen und zu Recht nur „Staterooms“ genannt werden. Spezielle Kinder-Ausflüge werden begleitet von Arielle der Meerjungfrau oder Balu dem Bären: In St. Petersburg zum Beispiel hat man den Katharinenpalast einen halben Tag exklusiv reserviert – die Disney-Prinzessinen führen durch die Säle, und am Ende können sich die Kinder in einer Disney-Kutsche durch den Park fahren lassen.

Von Kinderphantasien inspiriert wirken auch die Restaurants, Bars und Decksflächen – die gleichwohl, dank vieler Anleihen beim klassischen Art déco-Stil der alten Oceanliner, auch für die Großen angenehm wirken. Als Beispiel seien die riesigen, nostalgischen Bullaugen auf den Hauptdecks genannt: Wir empfanden sie als eine Verlängerung von Kinderträumen auch für die Großen. Dass man andererseits übrigens auf ein Kasino, wie es auf amerikanischen Cruiselinern sonst Pflicht ist, verzichtet hat, mag der europäische Gast ebenfalls mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen.

Eines von fünf Restaurants: das "Animator's Palate" (Foto: P. Günther)

Allen, die jetzt umgehend buchen möchten, seien zwei Punkte allerdings ans Herz gelegt. Bis auf Weiteres dürfte erstens gelten: Wer kein Englisch spricht und sich mit amerikanischem Umgangsformen nicht auskennt, wird sich an Bord nicht uneingeschränkt wohlfühlen. Und zweitens: Der hohe Aufwand, der hier für das Entertainment und die Kinderbetreuung getrieben wird, ist nicht umsonst zu haben. Die Tagespreise für die 12-tägige Ostsee-Route dieses Sommers etwa beginnen bei 140 US-Dollar pro Erwachsenem – in der Innenkabine. Im Vergleich zu den meisten anderen Anbietern, die mit familiengerechten Kreuzfahrt-Programmen werben, ist eine Reise mit Donald Duck & Co. damit – leider – recht teuer.

Text: Johannes Bohmann



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