Kinderkrankheiten beseitigt: TUI Cruises hat sein erstes Jahr erfolgreich gemeistert
Bei Kanzlern und Präsidenten zieht man nach den ersten hundert Tagen Bilanz. Bei Schiffen wartet man tunlichst bis zum Abschluss der ersten Saison - oder des ersten Jahres. Letzteres tat unlängst die Mein Schiff von TUI Cruises: mit einer Sonderreise zum ersten Geburtstag. Der übrigens nur wenige Tage darauf mit einem besonderen Geschenk nachträglich versüßt wurde: Am 27. Mai gab TUI Cruises bekannt, das ab Frühjahr 2011 die lang erwartete Schwester in See stechen wird: die Mein Schiff 2, die zurzeit noch als Celebrity Mercury des Joint venture-Partners Royal Caribbean auf den Weltmeeren kreuzt.
Von Anfang an dabei: Hotelchef Axel Sorger (Foto: TUI Cruises)
Die ersten 365 Tage also. Sechs Zeitzonen hat die Mein Schiff in ihrem Verlauf durchquert, 29 Länder bereist, 54 Häfen angesteuert, 627 Landausflugsmöglichkeiten angeboten und dabei 82.702 Seemeilen zurückgelegt – den Erdball also fast vier Mal umrundet. Doch hat TUI Cruises die Kritiken, die in den ersten Wochen nach dem Start im letzten Frühjahr laut wurden, ernst genommen und die gelobte Besserung realisiert? Was wäre besser dazu geeignet das zu überprüfen als die "Geburtstagsreise" vom Heimathafen Hamburg nach England, Irland, Schottland und zurück? Vom 9. bis zum 21. Mai fand sie statt.
Der Tag der Abreise: Hamburgs Kreuzfahrtterminal am Grasbrookkai platzt aus allen Nähten. Die Schlange vor den Eincheckschaltern reicht längst bis auf den Vorplatz, dienstbare Geister versuchen der Berge von Koffern und Reisetaschen Herr zu werden. Und kaum an Bord heißt es erneut anstehen – an den ausladenden Büffets im Restaurant „Anckelmannsplatz“ auf Deck 11.
Viele bekannte Gesichter auf den ersten Blick: Der Norweger Kjell Holm führt auch auf diesem Törn das Kommando, Generalmanager Axel Sorger ist für den Hotelbereich zuständig, Wiebke Busch leitet das zehnköpfige Team der Ausflugs-Scouts. Zahlreiche Künstler und Stewards kennt man aus der letzten Saison, die Fluktuation ist augenscheinlich gering.
Zum Relaxen mit Blick aufs Meer: die X Lounge (Foto: TUI Cruises)
„Sie sind ja lernfähig“, konstatiert die resolute Hermine M. aus Hamburg – und meint damit die erst 2008 gegründete TUI Cruises GmbH. Nach Jungfernreise und Karibikkreuzfahrt ist sie mit ihrem Gatten Heinrich zum dritten Mal an Bord und findet es „von Mal zu Mal besser“. Zumal – anders als vor einem Jahr – keine Handwerker mehr zu sehen seien. Noch öfter war Ehepaar F. aus Paderborn dabei – Spitzbergen, Karibik, Rock-Liner und jetzt diese Geburtstagsreise. Wie immer haben sie sich für eine Juniorsuite entschieden und genießen die entspannte Atmosphäre in der X-Lounge. „Wir waren von Anfang an von diesem Schiff begeistert und haben nichts zu meckern“. Weshalb Reise Nummer fünf und sechs für Herbst und Winter bereits gebucht ist. Auch Peter F. und Alexander P. tauschen ihr Domizil auf Sylt zum dritten Mal mit der Mein Schiff. Fortsetzung fest geplant.
Und wie ist unser Eindruck? Ein erster Test: Die zu Beginn der Jungfernsaison saugunfähigen Handtücher – ein zentraler Minuspunkt in vielen ersten Bewertungen – trocknen mittlerweile hervorragend. Und auch das Problem der fehlenden Seifenschale im Bad wurde ganz pragmatisch gelöst: durch den Einsatz von Flüssigseife.
Imposant: Treppe im Atlantik-Restaurant (Foto: TUI Cruises)
Erstes Fazit: Bewährtes wurde beibehalten, neue Servicekomponenten und Angebote hinzugefügt. So gibt es zum Beispiel seit Sommer 2009 einen Kreuzfahrtdirektor. Seine und die Durchsagen des Kapitäns sind jetzt – auf Wunsch – in der Kabine zu hören. Von 8:00 bis 9:00 sendet „Mein Schiff – Meine Welle“, und der „Treff der Alleinreisenden“ wurde um zwei Single-Tische im Restaurant „Atlantik“ erweitert. Dort wird seit neuestem auch das Frühstück á la carte kredenzt.
Self Service gibt es nur noch im „Anckelmanns“, wo man sich über eine gravierende Verbesserung an der Wok-Station freuen darf: Man wählt aus dreierlei Nudelsorten, elf Gemüsearten, Streifen aus Rinder- oder Schweinefilet und Hähnchenbrust, Gambas, Shrimps und Tintenfischringen seine Wunschkomposition, komplettiert mit der passenden Sauce, erhält anschließend – man kennt es von McDonalds – ein Nummerschild und platziert dieses auf seinem Tisch. Der zuständige Steward serviert nach Fertigstellung – und der Gast genießt statt in der Schlange zu stehen eine Vorspeise oder einen Aperitif.
Ein Blick in die Küche: Schlemmen ist Trumpf auf dem "Wohlfühlschiff" (Foto: Peggy Günther)
Neu sind auch diverse „Schlemmerpakete" – für die man zuzahlt, die aber ihren Preis wert sind. So gibt es etwa für 54 Euro pro Kopf die „Schlemmerreise nach Kulinarien“. Sie führt in die Spezialitätenrestaurants „Surf & Turf“ bzw. „Richards Feines Essen“ und schließt auch einen Besuch in der „Blauen Welt Bar Sushi“ mit ein. Wer zu den dabei servierten Köstlichkeiten auch eine Auswahl passender Weine genießen möchte, zahlt 89 Euro pro Person. Auch auf den "Entspannungsinseln" auf Deck 14 kann man sich den Gaumen kitzeln lassen, mit dem „Sternenhimmel-Paket“ – zwei Stunden Aufenthalt mit je einer Flasche Rot- oder Weißwein und Mineralwasser – für 25,50 Euro. Wer's extravaganter möchte: Das „Schlemmerpaket“ mit Sekt und Canapés kostet 43,50 Euro. Den kleinen Hunger auf privaten Landgängen schließlich stillen Picknickkörbe und Lunchpakete in den Varianten Standard, Premium und DeLuxe.
Apropos Landgänge: Seit Ende vergangenen Jahres sind die Ausflugstickets bares Geld wert, allerdings nur in den Innenbars und lediglich zwischen 18 und 20 Uhr: Gegen Vorlage gibt’s einen Cocktail oder Longdrink mit 50 Prozent Rabatt. Auch im Fotoshop greift eine kundenfreundliche Regelung: Jedes sechste Bild ist kostenfrei (wobei die Preise mit 6 € pro Foto ohnehin sehr kulant sind).
Köstliches aus Fernost: Sushi in der Blaue Welt Bar (Foto: TUI Cruises)
Neu in Sachen Entertainment sind der „Wettkampf der Bartender“ (15 Euro pro Person) und die „James Bond Night“ im Casino. Wem das alles noch nicht reicht, der kann auf 47 TV-Kanäle zurückgreifen. Oder sich neben den täglichen „Pressenews“ die komplette Ausgabe einer Tageszeitung seiner Wahl ausdrucken lassen. Kostet 4,50 € täglich bzw. 28 € pro Woche und gilt für fünfzehn Titel, darunter Financial Times, Handelsblatt, FAZ, Süddeutsche, Tagesspiegel etc. Auch beim Kabinenservice gibt es Verbesserungen: Der abendliche Turn-down-Service – mit „Schlafschäfchen“ aus Fruchtgummi als Betthupferl – ist seit Herbst 2009 Standard.
Also alles in bester Ordnung? Nicht ganz: Viel diskutiert wird die Funktionsfähigkeit der Klimaanlage – zu laut, zu warm, zu kalt. Beschwerden, die schon bei bei der Jungfernreise zu hören waren. Und nicht jeder Passagier scheint mit der Duschabtrennung zu Recht zukommen – manche Nasszelle macht angeblich ihrem Namen alle Ehre. Zudem ist es noch immer schwierig, zu den „Stoßzeiten“ einen Sitzplatz zu finden. Das vollbesetzte Büffetrestaurant sorgt bei manchem Kreuzfahrer für Stress, auch im „Atlantik“ sind Wartezeiten nicht immer ausgeschlossen. Hier hapert es zuweilen auch an der Koordination von Tisch- und Getränkesteward. Einem als "Wohlfühlschiff" apostrophierten Premiumprodukt stünde nach Ansicht einiger ein Room Service gut zu Gesicht, der Aufpreis für den Excellent Service sollte nach Meinung anderer – wie einst auf der Celebrity Galaxy – auch ein bevorzugtes Tendern einschließen.
Stargast Nummer 1: Taufpatin Ina Müller (Foto: TUI Cruises)
Noch immer auch bemerkt man suchende Blicke nach einem Abfallbehälter auf dem Frühstückstisch. Intensiv-Internetnutzer vermissen eine Flatrate – und einige Repeater aus der Karibiksaison wundern sich, weshalb die breite Teakholzpromenade in Europa plötzlich wieder liegestuhlfrei ist. Aber insgesamt scheinen die Passagiere der Geburtstagsreise zufrieden zu sein. Für nicht wenige wurde „Mein Schiff“ augenscheinlich zu „ihrem“ Schiff.
Auf dieser Reise trägt natürlich auch das besondere Programm zur Gästezufriednheit bei. Höhepunkt ist der Abend des 10. Mai. Schon eine Stunde vor Konzertbeginn ist im Theater kaum noch ein freier Platz zu finden. Das Publikum rückt noch enger zusammen, die Treppen sind, Sicherheitsvorschriften hin oder her, dicht besetzt. Licht aus – die Taufzeremonie vom 5. Mai 2009 wird auf die Leinwand projiziert, und wie aus dem Nichts stehen Taufpatin samt Band auf der Bühne.
Und legt los – im tiefsten Platt. Dem Applaus nach scheinen reichlich Norddeutsche an Bord zu sein. Aber Ina Müller ist durchaus auch des Hochdeutschen mächtig, hat binnen weniger Minuten das Auditorium fest im Griff, die Lacher auf ihrer Seite. Obwohl augenscheinlich nicht ganz seefest – „Mein Schiff“ durchpflügt die Nordsee bei Seestärke sechs – spult sie ihr Programm routiniert ab und kann sich auch den frenetischen Zugaberufen nicht widersetzen.
Stargast Nummer 2: Geburtstagsgratulant Roger Cicero (Foto: Fred Friedrich)
Sympathisch ist auch der zweite Stargast. Und verblüffend ehrlich, als er mit den Worten „Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet“ den Rufen nach Zugabe Rechnung trägt. Roger Cicero, "special guest" zum ersten Geburtstag, polarisiert. Phantastisch finden ihn die einen, zu laut, zu jazzig und zu swingend die anderen – im vollbesetzten Theater wird mit den Füßen abgestimmt. Immerhin mag sich mancher männlicher Zuhörer in den Songs „Zieh die Schuhe aus“, „Wenn sie dich fragt“ oder „Nicht artgerecht“ wieder erkannt haben, während „Murphys Gesetz“ geschlechterübergreifend gilt.
Und dann gibt's die große Geburtstagstorte. Mit ihr hat Patissier Michael Fluch aus Österreich ein Meisterstück vollbracht: Mein Schiff, nachgebildet aus zwölf Blechen Bisquitboden, getränkt mit reichlich Amaretto, gefüllt mit zehn Kilogramm Schoko-Buttercreme. 50° 31‘ 18“ Nord, 6°, 24‘ 24“ West – zu den Klängen der Schiffshymne „Ocean of Love“ verwandelt zu guter Letzt ein bombastisches Feuerwerk das nächtliche Firmament in ein Farbspektakel der Superlative. Und weil Seeluft bekanntlich hungrig macht, laden hinterher gleich zwei Büffets zum erneuten Schlemmen: eines für die eher „Süßen“ mit schokolierten Früchten. Und ein zweites mit Austern, fünf (!) Sorten Kaviar und Seafood in den verschiedensten Varianten.
Happy birthday, Mein Schiff!
Text: Fred Friedrich